Tuesday, June 25, 2024
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Deutschland passt sich gut an


Der große Abschwung, den Verbände und Ökonomen vorausgesagt haben, ist ausgeblieben. Dafür gibt es mehrere Gründe. Aber einer lautet: Die Menschen, die Unternehmen und die Politik in Deutschland sind anpassungsfähiger als mancher dachte.

Sind seitdem wirklich nur sechs Monate vergangen? Es war im Oktober letzten Jahres, der Winter kam langsam näher, und alle fragten sich, wie viel Gas es für die Menschen und Unternehmen in Deutschland wohl geben und was es kosten würde. Der Arbeitsmarkt war wie leergefegt, die Inflation erreichte zweistellige Zuwachsraten, die Lieferketten hatten sich noch immer nicht von den Folgen der Pandemie erholt – und die Lockdowns in China trugen zur allgemeinen Unsicherheit noch kräftig bei. 

Das böse Wort von der „Deindustrialisierung“ machte die Runde. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) befragte den industriellen Mittelstand zur Lage. Ergebnis: Ein Drittel der Unternehmen sah sich vor „existenziellen Herausforderungen“. BDI-Präsident Siegfried Russwurm wurde deutlich: „Die Substanz der Industrie ist bedroht. Die Lage ist für viele Unternehmen schon jetzt oder in Kürze toxisch.“ Heute klingt der BDI-Präsident schon anders: Die deutsche Industrie befinde sich in einem „gefühlten Vorfrühling“, sagte Russwurm, als er im Januar die Jahresprognose des Industrieverbandes in Berlin vorstellte. „Man spürt eine erste Erleichterung. Es sieht so aus, als würde unser Land den Winter halbwegs überstehen.“ Der BDI erwartet in diesem Jahr nur noch einen sanften Rückgang der Wirtschaftsleistung von 0,3 Prozentpunkten. Unter dem Strich blieben dann 1,6 Prozent Wachstum. 

Foto und Titelfoto: dpa/Picture Alliance

Görtz: Aufgrund der im September angemeldeten Insolvenz hat die Schuhhandelsskette Läden geschlossen und sucht nun einen neuen Investor.

Doch wie konnte die Stimmung von grundsätzlichem Pessimismus über den Winter in vorsichtigen Optimismus drehen? Der BDI-Präsident hat Umfragen und Studien zur Hand. Und auch Beispiele im Kopf. Etwa das von Mercedes-Benz in Stuttgart. Denn die rund 93.000 Beschäftigten des Autobauers in Deutschland können sich über eine Ergebnisbeteiligung von bis zu 7.300 Euro freuen. Im Vorjahr waren es 1.300 Euro weniger gewesen. „Mit der höchsten Ergebnisbeteiligung in der Unternehmensgeschichte bedanken wir uns für das herausragende Engagement und den persönlichen Einsatz“, wurde Personalchefin Sabine Kohleisen zitiert. Die Prämie sorge dafür, dass die Beschäftigten „angemessen am Erfolg des Unternehmens partizipieren“.

Tatsächlich hatte auch Mercedes mal anders geklungen. Es mangelte an Halbleitern, zweitweise klemmte es sogar bei der Auslieferung der E-Klasse, weil offenbar die Chips fehlten. Die Fertigung von Modellen wie Sprinter, Vito oder V-Klasse litt unter der chronischen Halbleiterknappheit. Aber es mangelte auch an Fachkräften, weswegen die Stuttgarter sogar eine eigene Programmierschule gegründet haben, um sich die nötigen Spezialisten selbst heranzuziehen. Aus der Krise half dem Autobauer vor allem, dass Mercedes trotz der unsicheren Konjunkturlage weiter aufsteigende Verkaufspreise setzen konnte. Die Kundinnen und Kunden akzeptierten das, und im Oktober, just als Russwurm sein Klagelied anstimmte, konnte Mercedes seinen Ausblick für das Gesamtjahr bereits wieder anheben.

Mercedes ist nicht der einzige Dax-Konzern, bei dem es trotz Krise allerorten läuft. Indiz dafür sind beispielsweise die Dividendenzahlungen. Insgesamt werden die Konzerne in der ersten deutschen Börsenliga rund 3,6 Milliarden Euro mehr Dividende ausschütten als ein Jahr zuvor. Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka, ordnet die Zahlen so ein: „Viele Unternehmen sind trotz Pandemie, die zu erheblichen Verzerrungen in den Produktionsketten der globalen Wirtschaft geführt hat, erstaunlich gut durch die Krisen gekommen und haben ihre Erträge gesteigert.“ Die Dax-Konzerne hätten 2022 so viel Geld verdient wie noch nie. 

„Unternehmen sind trotz Pandemie erstaunlich gut durch die Krisen gekommen“

Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka

Der Rückenwind, der die großen börsennotierten Konzerne durch die Krise trägt, und dessen Ursache vor allem in höheren Preisen und steigenden Exporten liegt, ist bei den kleinen und mittelgroßen Betrieben allerdings noch nicht überall angekommen. So misst beispielsweise die KfW regelmäßig mit den Wirtschaftsforschern vom ifo-Institut die sogenannte Kredithürde. Diese gibt den Prozentanteil der Unternehmen an, die das Verhalten ihrer Bank bei Kreditverhandlungen als „restriktiv“ einordnen. Das sagen derzeit 31,3 Prozent der befragten Mittelständler. „Die Kredithürde für den Mittelstand hat damit zugleich einen neuen Höchststand seit Einführung der aktuellen Befragungsmethodik im Jahr 2017 erreicht“, schreibt die KfW. Vor allem die mittelständischen Firmen im Einzelhandel sind von den strafferen Kreditvergabekonditionen betroffen.

Das, was die Forscher ermitteln, stellen die Kunden, die in die Innenstädte zum Shoppen gehen wollen, mit bloßem Auge fest. So fehlen beispielsweise einige Schuh-Ketten im Stadtbild: Görtz hat Insolvenz angemeldet, kurz darauf hat das zum Ara-Konzern gehörende Filialgeschäft von Klauser und Salamander ein Rettungsschirmverfahren beantragt. Die Schuh-Oase hat es auch erwischt. Seinen Sitz hat der Konzern im bayrischen Nassenfels, und er betreibt im Süden Deutschlands zehn Filialen. Es kann sein, dass sie bald schließen müssen. Gemeinsam ist all diesen Unternehmen, dass sie sich mit letzter Kraft durch die Pandemie geschleppt haben und ihnen dann die sprunghaft gestiegenen Energiekosten für die Ladengeschäfte die letzten Reserven raubten.

Foto: dpa/Picture Alliance

Volle Lager: Weil die Papierpreise um mehr als 200 Prozent gestiegen sind, haben Verlage wie die Nürnberger Presse ihren Vorrat verdreifacht.

Wie eine erfolgreiche Anpassung aussehen kann, demonstrieren dagegen Mittelständler wie etwa der Verlag Nürnberger Presse. „Wir hauen das Lager voll“, sagt Karlheinz Pickl, der die Papierverwaltung des Verlagshauses steuert. Grund für diese drastische Maßnahme sind extreme Preissteigerungen. Ende 2021 kostete die Tonne Zeitungspapier durchschnittlich rund 360 Euro. Ein Jahr später waren es fast 1000 Euro. Die Erklärung: Papier herzustellen ist sehr energieintensiv, in der Vergangenheit haben zahlreiche Werke auf günstiges Gas gesetzt und es verstromt. Inzwischen ist das Gas zwar wieder günstiger geworden, die Papierpreise sind aber hoch geblieben. Pickl hat allerdings rechtzeitig vorgesorgt. Am Nürnberger Hafen zwischen Bahngleisen und Schiffanlegestellen lagert eine Logistikfirma Papierrollen für das Druckhaus. Normalerweise liegt dort ein Vorrat für maximal vier Wochen, jetzt reicht er für ein Vierteljahr. Niemand wollte früher ein großes Lager, weil das mehr Geld kostet, heißt es vom Verlag. „Aber im Vergleich zu den Papierpreissteigerungen sind das Peanuts.“

Lieferketten besser überwachen

Laut ifo-Institut ist Lagerhaltung die häufigste Reaktion auf die Schocks der Jahre ab 2020. Auf die Frage, wie Unternehmen auf Unterbrechungen der Lieferketten reagieren, nannten 68 Prozent eine verstärkte Lagerhaltung, dicht gefolgt von 65 Prozent, die ihre Beschaffung diversifizieren, also auch auf neue Lieferanten ausweichen. Zudem wollen 54 Prozent der Unternehmen ihre Lieferketten besser überwachen, um Störungen schneller zu erkennen. Weitere 38 Prozent nannten eine Umschichtung von bestehenden Lieferverhältnissen als Maßnahme gegen Störungen. Zudem erhöhen 13 Prozent die Fertigungstiefe, stellen also Vorprodukte selbst her. Hohe Lagerbestände galten während der Blüte der Globalisierung als altmodische Kapitalvernichter. Stattdessen wurde auf die in Japan entstandene Just-in-Time-Fertigung gesetzt, in deren extremer Form überhaupt keine Lagerbestände vorgesehen waren. Zulieferteile wurden diesem Paradigma folgend nicht auf Vorrat gehalten und erst im Augenblick der Montage minutengenau angeliefert. Dieses Ideal setzte aber eine Kontrolle der Lieferketten voraus, die in globalen Krisenzeiten unrealistisch ist.

Das Bild ist also in Wahrheit wie immer gemischt: Die Großen kommen durch, von den Kleineren bangen einige um ihre Existenz. Doch wer die ganz große Bühne betrachtet, die Europäische Union, für den verwischen sich diese Unterschiede schnell. Denn EU-weit verbessern sich die Kennzahlen gerade. Die Inflation im Euroraum lag zwar im Januar bei immer noch satten 8,5 Prozent, aber die gute Nachricht lautet: Es war schon mal mehr, seit Dezember geht die Inflationsrate zurück. Die Gaspreise sinken nicht zuletzt, weil die Speicher gut gefüllt sind. In Deutschland sieht der Bundesverband für Energie und Wasserwirtschaft „Anzeichen für eine länger anhaltende Entspannung der Preissituation“. Die Arbeitslosenquote ist ebenfalls rückläufig. Im Euroraum wird von Monat zu Monat ein neuer historischer Tiefstand bei der Arbeitslosigkeit gemeldet. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater bewertet das als „Ergebnis institutioneller Reformen der vergangenen Jahre und eines steigenden demografischen Drucks“. Dazu kommen massive Investitionen, die die EU vorhat und die wie ein Wirtschaftsförderungsprogramm wirken. 

Die Lage ist besser als vorausgesagt

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will für ihren Plan, Europa ergrünen zu lassen, die immense Summe von einer Billion Euro ausgeben. Dazu sollte es noch einmal 100 Milliarden Euro für Regionen geben, die stark an CO2-intensiven Branchen hängen. Jetzt hat die EU-Kommissionspräsidentin zusätzlich ihren „Green Deal für die Industrie“ ins Rennen geschickt und taxiert den Preis dafür auf „mehr als 170 Milliarden Euro“.

Michael Hüther, Präsidiumsmitglied beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), sieht so bei allen Belastungen zumindest einige positive Signale: Vor allem diejenigen, die aus der Pandemie mit mehr als einer Schramme herausgekommen waren, atmen jetzt auf. „Das sind die Tourismuswirtschaft, die Werbe- und Messewirtschaft und das Hotel- und Gaststättengewerbe, die durch die Lockdowns stark betroffen waren. Sie alle gehen jetzt davon aus – das zeigen auch die Buchungen –, dass sie ganz ordentlich durch dieses Jahr kommen werden. Wir haben im Kern auch die Automobilbranche, die relativ stabil ist und keine weiteren Einschränkungen erwartet, denn sie hat schon einen Teil des Transformationsprozesses, den sie leisten muss, organisiert.“ Und Monika Schnitzer, Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsweisen, der der Bundesregierung ökonomische Ratschläge gibt, fasst es so zusammen: „Die deutsche Wirtschaft ist besser als erwartet durch das vierte Quartal gekommen.“ Bisher erwartet der Sachverständigenrat aber noch eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2023 um 0,2 Prozent und ist ebenso vorsichtig wie die Bundesbank, die eine „technische Rezession“ nicht ausschließt. Sie rechnet nach dem vierten Quartal 2022 auch im ersten Quartal 2023 mit einer sinkenden Wirtschaftsleistung.

Unterm Strich lässt sich aber festhalten: Die Lage ist besser, als sie vor einem halben Jahr vorausgesagt wurde. Deutschland ist in vielen Disziplinen nicht weltmeisterlich, aber in der Anpassung an Krisen immer noch gut.

Quelle : Deka

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